Konfirmationsgottesdienst, Wenschtkirche, Sonntag Jubilate, 12. Mai 2019

Text: Joh 15,1-5

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Wenn ihr in diesem Gottesdienst bisher gut aufgepasst habt, könnt ihr mir sicher folgende Frage beantworten: Welches ist die wichtigste biblische Obstsorte? – Genau: die Weintrauben. Ich hab zur Anschauung mal welche mitgebracht.

So pflegt man Trauben zu kaufen bei Lidl oder auf dem Markt: nicht lose und einzeln, sondern an solchen dünnen, weitverzweigten Ästchen hängend – Reben genannt. Das ist auch gut so. Denn wie ihr sicher schon mal beobachtet habt: einzelne Trauben, die von der Rebe abfallen, verschrumpeln schnell, werden braun und fangen an zu schimmeln. Die taugen dann nur noch für die Bio-Tonne. Die Trauben, die an der Rebe bleiben, halten dagegen deutlich länger. Die Verbindung zur Rebe scheint also wichtig zu sein. Trotzdem: Auch an der Rebe kann man Weintrauben nicht allzu lang aufbewahren. Denn sie braucht ihrerseits die Verbindung zum Weinstock, und die ist nun mal gekappt, wenn die Trauben im Laden landen. Da kommen kein Wasser und keine Nährstoffe mehr nach, und damit ist das Vergehen vorprogrammiert, ob mit oder ohne Verzehr.

Das war auch in biblischen Zeiten nicht anders. Und so ist Jesus auf den Vergleich gekommen, den wir eben in der Lesung gehört haben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, sagt er seinen Jüngern. „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Auf die Verbindung kommt es also an zwischen Jesus und seinen Leuten – wie bei den Weintrauben. Ist die Verbindung da, dann wächst etwas. Dann bringt der Glaube Früchte: Geduld und Hoffnung, Trost und Geborgenheit, Mut und Stehvermögen, Liebe und Barmherzigkeit. Und das geschieht ganz selbstverständlich, so wie die Trauben am Weinstock ganz von allein wachsen, ohne sich dafür anstrengen zu müssen. Ist die Verbindung aber nicht da, dann hilft auch alle Anstrengung nichts. Dann kann ich mir noch so fest vornehmen, auf Gott zu vertrauen, die Hoffnung nicht zu verlieren, Verantwortung zu übernehmen und Gutes zu tun – ich werde es nicht schaffen, und es wird nur Krampf dabei herauskommen. Gut also, dass die Verbindung bei euch vorhanden ist. Ihr seid mit Gott, mit Jesus Christus verbunden, und das wird Früchte tragen, ganz bestimmt.

Jetzt denkt ihr vielleicht: Ist das wirklich so? Bin ich denn mit Gott verbunden? Mir kommt es gar nicht so vor. Oder ich bin mir jedenfalls nicht sicher. Oder die Verbindung ist mal da und mal weg – wie der Handyempfang irgendwo in der Pampa.

Ja, es stimmt, so kommt es uns oft vor. Als ob da kein Gott ist, der uns begleitet und segnet, wie es viele eurer Konfirmationssprüche sagen. Als ob wir vor eine Wand reden, wenn wir beten. Als ob wir allein klar kommen müssen mit den schwierigen Fragen, bei denen auch andere Menschen uns nicht helfen können. Aber das stimmt nicht, wir sind nicht allein, und das haben wir schriftlich: in der Bibel, die uns davon erzählt, wie Gott Mensch geworden ist; und in unserer Taufurkunde, die uns bezeugt: du gehörst zu Gott, zu Jesus Christus, und mit deiner Taufe hast du das zugesagt bekommen. Und wenn das noch einmal eine Bekräftigung braucht, dann geschieht sie heute: mit der Konfirmation, mit dem Segen Gottes, den ihr gleich mit auf den Weg bekommt.

Also: von Gott aus steht die Verbindung. Ihr seid keine abgeschnittenen Reben im Supermarkt, sondern ihr hängt noch am Weinstock, und dabei bleibt es auch. Wenn ihr heute diese Kirche verlasst, dann geht Gott mit und bleibt immer in eurer Nähe – egal, wieviel oder wie wenig ihr davon spürt, egal auch, ob es euch wichtig ist oder nicht.

Weil das so ist, und zwar nur weil es so ist, hat auch die Aufforderung Sinn, die Jesus an seine Jünger richtet: „Bleibt in mir“, bleibt mit mir in Verbindung, lebt diese Verbindung aus in allem, was ihr tut. Dann bringt ihr Frucht, und ihr werdet staunen, wie viele und wie tolle Früchte da wachsen werden. Mehr kann ich euch heute also auch nicht sagen: Bleibt am Weinstock, haltet die Verbindung.

Das heißt erstens: Bleibt verbunden mit Gott. Lasst nicht locker bei ihm, auch wenn er für euch gerade schweigt und ganz weit weg ist. Erinnert ihn an das, was er euch versprochen hat – bei der Taufe und heute wieder bei der Konfirmation: Dass er euer Gott ist. Dass er seinen Engeln befohlen hat, euch zu behüten. Dass er der gute Hirte ist, der euch bewacht und nicht schläft. Dass er euer Licht ist und eures Lebens Kraft. Dass er euch mit den Augen leiten und euch den rechten Weg zeigen will. Dass er euch vor dem Bösen bewahrt und euch Gutes tut. Dass er euch ins Herz schaut und dass ihr euch nicht fürchten müsst. Ihr dürft ihm also ruhig euren Konfirmationsspruch unter die Nase halten und sagen: Schau, da steht’s, das hast du mir versprochen – nun lass mich auch erleben, dass du es einhältst.

„Bleibt in mir“, sagt Jesus. Und das heißt zweitens: Bleibt verbunden mit der Gemeinschaft der Christen. Ihr habt sie ja besser kennengelernt in den letzten zwei Jahren und hoffentlich habt ihr dabei gemerkt, dass sie kein langweiliger Verein von vorgestern sein muss, sondern dass es sich lohnen kann, dabei zu sein und mitzumachen. Denn wie gesagt: eine einzelne Weintraube hält nicht lange. Und als Einzel-Christ einsam vor sich hin zu glauben, das geht auf Dauer auch nicht gut. Oft bekomme ich gesagt: „Ich geh zwar nicht in die Kirche, aber ich hab auch meinen Glauben.“ Das mag sein, und ich will es auch keinem abstreiten. Ich denk nur immer, dass es sich bei diesem Glauben bestenfalls um eine Rosine handeln kann, um im Bild zu bleiben: die kann zwar im Kuchen auch noch ganz gut schmecken, aber im Vergleich zu einer richtig großen, saftigen Traube ist sie eben doch nur eine Schrumpfversion. Und so verstehe ich auch den christlichen Glauben. Wenn ich mit ihm allein bleibe, dann ist er höchstens ein Schatten dessen, was möglich wäre. Denn Glaube braucht den Austausch mit anderen. Er braucht Anregung und Stärkung, und die kann ich mir schlecht selber geben. Er braucht auch was zu tun, und das geht ebenfalls besser zusammen als allein. Das weiß zum Besipiel jeder, der schon mal in einem Chor gesungen hat. Das wissen auch die vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die hier jedes Jahr unsere Kibiwo auf die Beine stellen. Und das wissen auch die, die im Presbyterium sitzen und gemeinsam unsere Gemeinde leiten. Auch für euch alle gibt es bei uns einen Platz, wo ihr eure Gaben einsetzen könnt, wo euer Glaube wachsen und gelebt werden kann. Probiert es einfach aus, dann merkt ihr schon, wie gut das tut!

Und noch ein drittes und letztes: Bleibt als Christen mit Gott und miteinander verbunden, aber bleibt auch verbunden mit der Welt, in der ihr lebt. Man könnte zwar denken, dass ihr diese Aufforderung gar nicht nötig habt. Dank Facebook, Whatsapp und Co. habt ihr ja Verbindungen und Kontakte um den ganzen Globus, von denen frü-here Generationen nur träumen konnten. Es sind fantastische Möglichkeiten, die sich euch damit bieten. Das gebe ich zu, auch wenn ich merke, dass ich da manchmal nicht mehr ganz mitkomme. Aber eins wisst ihr hoffentlich auch: Die reale Welt, das ist noch mal mehr und anderes, als was sich auf eurem Display abspielt. Da kommt es auf echte Beziehungen an, nicht nur auf virtuelle. Da brauchen Menschen euch mit eurer Hilfe und Zuwendung, und ihr braucht sie. Da gibt es unseren bedrohten Planeten mit allem, was darauf lebt, und der braucht Menschen, die etwas tun, damit die Erde eine gute Zukunft hat. Ich bin beeindruckt, dass Jugendliche wie ihr da in-zwischen echt Einsatz zeigen und freitags für die Zukunft auf die Straße gehen, und es beschämt mich, dass meine Generation so lange viel zu wenig getan hat, obwohl wir um die Gefahren auch schon wussten oder jedenfalls wissen konnten.

Natürlich braucht man nicht unbedingt den christlichen Glauben, um sich für die Welt und für die Menschen einzusetzen. Aber wenn Christen sich an diesem Einsatz beteiligen, dann dürfen sie wissen: Auch dabei sind wir mit unserem Gott verbunden. Denn er liebt die Welt, weil er sie geschaffen hat, er ist in Jesus einer von uns geworden und er begegnet uns in jedem Menschen, der uns braucht. Jedes Mal also, wenn wir Gutes tun und Böses überwinden, jedes Mal, wenn wir einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat, bringt der Weinstock neue Frucht. Und ich bin gespannt auf die Früchte, die ihr noch dazu beitragen werdet. Amen.

Ihr Pastor Martin Klein